15 June 2017

Zwischen dem Umweltschutz und dem Tierschutz

von Hayley Borkowska

Ich weiß nicht, ob ich damals das Stereotyp wirklich für wahr hielt. Das Stereotyp, das wir alle kennen - dass alle Deutschen fleischessende biertrinkende Käseliebhaber sind – und zwar hat meine Familie solche Witze gemacht. Aber als jemand, der nur ein einziges Mal vor acht Jahren in Deutschland gewesen war, wusste ich nicht genau, was mich da jetzt eigentlich erwarten sollte. Es war nicht so, dass ich mir Sorgen gemacht habe, denn es würde sowieso gehen, aber ich wollte nicht, dass ich als Vegetarierin nirgendwo mit Freunden essen könnte. Aber ich habe ziemlich schnell herausgefunden, dass das Stereotyp nur teilweise stimmt.

Als ich neue Leute kennenlernte, musste ich es vielen sagen, dass ich Vegetarierin bin. Die Reaktionen? Kein „wieso?“ oder „oh nein, das könnte ich nie machen, ich liebe Fleisch!“, sondern „Viele junge Leute sind auch Veganer“. Was. Für. Eine. Überraschung. Na gut, als ich im Januar 2016 Sojamilch in den Kühlschrank des Lehrerzimmers steckte, gab es ein paar Fragen bezüglich des Besitzers und einige, die neugierig waren, aber im Großen und Ganzen dachte keiner, ich sei... merkwürdig- trotz der Wirklichkeit, dass „die Deutschen“ doch viel Fleisch essen (laut den Forschern eigentlich zu viel). Die Fleischabteilung im Supermarkt ist fast genauso groß wie die Bierabteilung und ich lernte auch keine Vegetarier und nur einen Veganer kennen. Aber hallo, die Veggie-Fleisch Abteilung bzw. die Auswahl und Verfügbarkeit von veganen Alternativen und Leckereien war ebenso bunt. Ich hatte es nie in meinem Leben so gut und ich musste auch nicht ins Reformhaus. Auch als ich Deutschland verließ, kamen immer noch mehr Produkte auf den Markt.

Diese Überraschung habe ich auch im Restaurant erlebt. Außer den Wirtshäusern, in denen man wirklich nur Bier und Fleisch bzw. Käse zum Essen und Trinken bekommt, gab es immer was zu essen und nicht nur Salat. Es gab alles von Brötchen und Sandwiches hin zu Kuchen, Burgern, Pizza, Nudeln und, natürlich, auch Salate. Im April 2016 hat sogar ein neues kleines veganes Restaurant zum ersten Mal die Türen geöffnet und noch dazu haben einige Ketten vegane Möglichkeiten zum Menü hinzugefügt. Ich habe mich natürlich gefreut und jedem von meinem Glück erzählt. Das vegane Restaurant hat übrigens das beste Essen, das ich je in meinem Leben gegessen habe. Eine fleischessende Freundin von mir ist sogar extra dahingefahren, um dort zu essen.

Ich verstehe allerdings, dass ich in einer Landeshauptstadt war und zwar eine mit einer relativ großen Universität. Aber auch als ich (einmal) in einer Kleinstadt war, hatte ich gar keine Probleme. Ich weiß nicht, wie es im Süden ist, denn ich habe verschiedene Perspektiven gehört, aber ich muss ehrlich sagen, dass, wenn es einen Supermarkt gibt, es wahrscheinlich was Veganes zum Essen gibt. Außerdem verbreitet sich der neue Supermarkt „Veganz“, der immer beliebter wird, besonders bei denen, die vegan oder vegetarisch leben und auch bei denjenigen, die neugierig sowie gesundheitsbewusst sind. Vegan zu leben ist gerade im „Trend“, würden einige sagen, aber ich glaube, dass eine echte Veränderung in Deutschland stattfindet, was auch für die Supermärkte gilt.

 Ich habe die Leckereien als tierfreundlicheVeganerin genossen aber ich war besonders davon ermutigt, dass diese Situation, von der wir alle profitieren, in einigen Fällen eigentlich eine Erweiterung des Umweltschutzes ist. Die Familie des veganen Jungens, den ich kenne, lebt aus Umweltschutzgründen vegan. Viele fahren auch regelmäßig mit dem Rad und fahren energieeffiziente Autos. Das Recycling-Stereotyp stimmt. Aber die vegetarische Welt als dazugehörig habe ich irgendwie nicht erwartet. Ich glaube, dass dieser Umweltschutz und der Tierschutz am Ende enger verbunden sein werden, aber in der Zwischenzeit kann ich die vielfältigen Ergebnisse im Land der Wurst und des Fleisches genießen. Deutschland als Zufluchtsort für Vegetarier und Veganer? Wer hätte das gedacht?!

Die Wichtigkeit von Baked Beans

von Beth Mason

Ich habe nie realisiert wie stark ich mich mit meinem Land identifiziere. Die ersten drei Monate in Wien haben sich um diese Realisierung gedreht. Das war eine Überraschung. Ich habe immer gedacht, dass ich sehr unabhängig bin, und ich habe mich nie als patriotisch identifiziert. Aber die ersten drei Monate konnte ich nur an meine Heimat denken.

Ich habe alles so verwirrend und komisch gefunden. Bei der Arbeit fragt niemand was ich am Wochenende gemacht habe, oder was ich für mein Abendessen geplant habe. „Small talk“ war „oberflächlich“ und nicht höflich und freundlich wie ich immer geglaubt habe. In dem Club war ich die Einzige, die hohe Absätze trägt und das macht aus mir „eine typische Engländerin.“ Niemand bedankt sich bei dem Busfahrer und ich habe 20 Euro in den ersten Monat für scheiß Platstiktüten ausgegeben. Der Krankenwagen klingt wie etwas aus den Sechzigern und am schlimmsten war die Frage, die ich bei KFC gehört habe - „Baked Beans– was ist das?!“

Jetzt kann ich darüber lachen. Jetzt weiß ich, dass die Österreicher einfach direkter als die Engländer sind, und das kann ich jetzt schätzen. Jetzt kann ich würdigen, dass es eigentlich besser ist, wenn man in den Club mit Trainers gehen kann. Jetzt verstehe ich, dass der Busfahrer nur seine Arbeit macht und deshalb (laut den Österreichern) er keine weitere Wertschätzung braucht. Jetzt kann ich die Österreicher bewundern, weil sie so umweltfreundlich sind. (Aber einem KFC ohne Baked Beans kann ich nicht vergeben!) 

Der Punkt ist, dass ein Auslandsjahr nicht einfach ist. Natürlich war es „das beste Jahr meines Lebens“ aber es war nicht immer so einfach. Ganz ehrlich habe ich es noch schwieriger aufgrund von den sozialen Medien gefunden. Ich konnte jeden Tag sehen, wie „glücklich“ die anderen Leute waren, wie viel Leute sie kennengelernt haben und wie viel mehr Deutsch sie gelernt haben. Aber jetzt weiß ich, dass Social Media eine falsche „Realität“ schafft. Die Leute schreiben nur, wenn sie etwas aufregendes gemacht haben. Sie schreiben nichts, wenn sie ihre Familie oder Freunde vermissen. Aber vielleicht haben sie sich tief im Inneren auch so wie ich gefühlt? Vielleicht sind wir alle mehr „Englisch“ als wir uns vorgestellt haben?

Also für die Leute, die ihr Auslandsjahr noch nicht gemacht haben – bitte erinnern: Es ist das beste, aufregendste Jahr deines Lebens aber bitte fühlt dich nicht enttäuscht, wenn es auch ein bisschen schwierig ist – Irgendwann vermissen wir alle unsere Baked Beans. 

Das Gefühl grenzenloser Freiheit

von Alex Hole 

Warum werden die Inlineskates so anders in Deutschland betrachtet? In England wird es hauptsächlich als ein Spielzeug betrachtet, und zwar entsteht ein Stigma dabei, das vorschreibt, dass Erwachsene nie eine schöne Fahrt mit Inlinern machen würden. Doch in Deutschland darf jeder mit Inlinern überall hinfahren. Ich habe das persönlich erfahren, und bin der Meinung, dass jeder daraus Nutzen ziehen könnte. 

Inlinerfahren macht Spaß und ist auch gesund. Ich vermute, dass die Engländer darüber lachen würden, aber den Lachenden entgeht etwas und die Inlineskatenden lachen aus einem guten Grund. Inlinern war nicht nur gut in meiner Kindheit in den 90er Jahren, aber sie machen heute immer noch, vielleicht noch mehr, Spaß. Bevor ich nach Deutschland gefahren bin, wusste ich nicht, dass Erwachsenen-Inliner sogar hergestellt werden, und jetzt besitze ich meine eigenen, die, laut meiner vorherigen Mitbewohnerin, die beste Marke sind. Sogleich ich sie gekauft habe, und die Sonne raus kam (das heißt ich musste von Winter bis Frühling warten), wollte ich immer, mit ihnen an, unterwegs sein. Zuerst musste ich es mir wieder beibringen, wie man sie benutzt. Es kann gesagt werden, dass das Fahren sehr ähnlich wie Schlittschuhlaufen ist, aber es gibt trotzdem einen Unterschied zwischen den beiden. Man läge nicht falsch, wenn man richtig schätzt, dass ich ein paar Mal oder eben mehrmals hingefallen bin.  Aber was dich nicht umbringt, macht dich nur stärker. Schnell bin ich ein Profi geworden, und ich konnte sogar, sei es auch ziemlich unkontrolliert, rückwärtsfahren.

Es gibt nichts Besseres als eine Inlinerfahrt an einem sonnigen Nachmittag, normalerweise mit Freunden, und zum Glück hatte meine WG einige Inliner übrig, so dass ich Freund_innen bei mir hatte, wir zusammen fahren, oder zusammen hinfallen konnten… Inlinern können bestimmt gefährlich sein, besonders da man nur eine kleine Bremse hinten an den Inlinern hat, und das Bremsen ist der schwerste Teil des Fahrens. Ich habe persönlich eine Freundin von mir schon beim Inlineskaten gerettet. Das sollte jedem eine Lehre sein.

Dieser fast tödliche Unfall passierte während einer geilen Veranstaltung, eine der besten meines Lebens. SKATENIGHT heißt es. Für eine Nacht einmal pro Monat, von Mai bis September, wurden alle Straßen in dem Stadtzentrum gesperrt, und nur für Inliner geöffnet. Ich habe das in Münster gemacht, aber das passiert in jeder großen Stadt  in Deutschland. Dann findet eine 19km Fahrt um die Stadt statt. Ich zitiere die Paderborner Skatenight „Das Gefühl grenzenloser Freiheit und einzigartiger Spaß mit tollen Menschen“. Ich könnte das nicht besser beschreiben und würde das absolut empfehlen. 

Doch dabei bleibt es nicht. Die Deutschen dachten, dass das nicht reicht. Sie wollten mehr von Inlinern. Deswegen haben sie besondere Inlineskates-Touren erfunden, bei denen man einen Urlaub auf Inlinern machen kann. Vielleicht haben sie eine Zwangsvorstellung hier, aber egal, es ist zumindestens sehr gesund. Die Deutschen machen Inliner gesellschaftsfähig, und davon bin ich ein großer Fan. England braucht jedoch zuerst bessere Radwege, um etwas ähnliches zu erreichen.

Die unerwartete Gutherzigkeit von Fremden und FreundInnen

von Beth Reed

Während meines Auslandsjahres habe ich in einer Stadt gewohnt, in der ich keine anderen EngländerInnen kannte. Natürlich war das zuerst eine gruselige Erfahrung – ich war noch nie eine Außenseiterin gewesen und ich hatte das schreckliche Gefühl, dass meine deutschen Sprachfähigkeiten nicht reichten, um mich in die örtliche Gemeinschaft Lüdenscheids zu integrieren. Jedoch hatte ich gar keine Ahnung gehabt, dass ich unterwegs so viele Unterstützung bekommen würde, nicht nur von dem süßen alten Paar, mit dem ich wohnte, sondern auch von den Fremden, denen ich auf der Straße begegnet bin. Dank ihnen waren meine Erfahrungen in Lüdenscheid schließlich viel positiver und herzlicher, als ich je vorher erwartet hatte.

Vor allem glaube ich, dass Gerd und Gerlind es verdienen, erwähnt zu werden. Dieses Paar, das ich auch „meine deutschen Großeltern“ benannt habe, haben mich mit einer Wohung versorgt. Ich habe im Dachgeschoss gewohnt und sie im Erdgeschoss und ersten Geschoss in ihrer gemütlichen Wohnung. Nach nur ein paar Tagen unter ihrem Dach fand ich es schon unmöglich,Gerd oder Gerlind auf den Treppen zu begegnen, ohne ein ganzes Gespräch mit ihm oder ihr zu führen, weil sie so nett und freundlich waren. Wegen ihnen hat sich mein Deutsch so viel entwickelt!

Außer den erhebenden und lustigen Gesprächen, die ich mit ihnen hatte (die Themen reichten von  „Bauern aus Bayern“ bis zu dem Essen, das ich als Studentin kochen konnte – Antwort: nicht vieles!), haben sie mir auch auf so vielen anderen Weisen geholfen. Als ich mich am Anfang meines Auslandsjahres einsam gefühlt habe, haben sie mir eine Postkarte aus ihrem Urlaub geschickt. Als ich Weihnachten und meinen Geburtstag gefeiert habe, haben sie mir Karten und Geschenke gegeben. Als ich meinen Knöchel gebrochen habe und krank war, haben sie mich zum Krankenhaus gebracht und Medikamente gekauft. Auch wenn es keine besonderen Ereignisse gab, habe ich einmal oder zweimal in der Woche Einladungen bekommen, mit ihnen zu essen oder zu trinken. Ehrlich gesagt wäre mein Auslandsjahr ohne Gerd und Gerlind nicht so bedeutsam gewesen. Sie haben es bestimmt verdient, meine „deutschen Großeltern“ genannt zu werden.

Ich habe auch eine besondere Freundin gefunden, als ich ihre Enkelin kennengelernt habe, die Radka heißt. Wir haben einander erst nach ein paar Monaten kennengelernt und ich bedauere nur, dass wir uns nicht früher getroffen haben. Sie hat mir bei der Integration in die Lüdenscheider Gemeinschaft geholfen, indem sie mich zum Zumba und Schwimmen eingeladen hat. Sie hat jede Woche ein Mittagessen mit mir und ihren Großeltern organisiert, sie hat mich ihren FreundInnen vorgestellt und sie hat auch dafür gesorgt, dass ich eine Einladung zu der Konfirmation ihrer Schwester bekommen habe. Ich habe die meisten deutschen Gespräche mit ihr geführt und es war richtig schön, eine Freundin kennenzulernen, die im ähnlichen Alter war.

Bisher habe ich nur die Freundlichkeit meiner Vermieter und ihrer Enkelin erwähnt, aber ich konnte mich auch auf die Großzügigkeit von meinen MitarbeiterInnen verlassen. Während der ersten sechs Wochen meines Auslandsjahres hatte ich kein WLAN zu Hause. Sobald meine Mitarbeiter, Marcus und Matthis, davon gehört haben, haben sie mir ihre deutschen Lieblingsbücher und Lieblingsfilme ausgeliehen, um mich gleichzeitig zu unterhalten und zu unterrichten. Marcus hat mich auch zu einer Gruppe von Lehrkräften an der Schule hinzugefügt, sodass ich an Veranstaltungen und Treffen teilnehmen konnte. Es war schön, mich wie ein Teil der Schulgemeinschaft zu fühlen.

Es fühlt sich immer gut an, wenn man eine nützliche Rolle am Arbeitsplatz spielt, besonders weil ich eine Assistentin statt eine vollqualifizierte Lehrerin war, deswegen habe ich mich sehr darüber gefreut, dass die englische Lehrerin Frau Feldkeller mir viel Verantwortung zugestanden hat. Sie hat mir bei der Vertrauensbildung im Englischunterricht geholfen, indem sie mich zuerst gebeten hat, Texte „in meinem einheimischen nördlichen Akzent“ vorzulesen und meine eigenen Brainstorming-Aktivitäten mit der Klasse durchzuführen, aber nach einer Weile hat sie mir auch zugetraut, Klassenarbeit zu begleiten und alleine zu unterrichten. Wir haben uns in den Pausen getroffen, um Unterrichtspläne zu diskutieren und es ist mir schnell eingefallen, dass sie meine Ansicht geschätzt hat, obwohl ich vorher keine Unterrichtserfahrung hatte.

Ich habe schon meinen gebrochen Knöchel erwähnt und die Großzügigkeit, die meine deutschen Großeltern gezeigt haben, aber ich habe vergessen, die Freundlichkeit von Fremden auf der Straße zu erwähnen. Ich erinnere mich daran, während ich mit meinem großen Gips zum Geldautomat ging, hat eine alte Frau sich um mich gekümmert, indem sie mir sagte, dass ich nicht mit meiner Verletzung zu Fuß gehen sollte. Ich kann auch nicht die Anzahl von „Guten Besserungen“ schätzen, die ich immer in der Stadt gehört habe. Ich glaube gar nicht, dass ich die gleiche Behandlung von EngländerInnen bekommen würde – die englische Bevölkerung finden es oft zu peinlich, Augenkontakt herzustellen, geschweige denn mit einer Freundin zu kommunizieren!

Zurückblickend habe ich mich von Anfang an willkommen in Lüdenscheid gefühlt. Es wäre eventuell eine einsame und gruselige Erfahrung gewesen aber dank den lieben Deutschen habe ich bestimmt ein soziales und angenehmes Leben geführt. Ohne die Hilfe von meinen Vermietern, FreundInnen und Fremden hätte ich nie mein tolles Auslandsjahr genossen!