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DDR Presse

4. Die Presse in der ehemaligen DDR

J.P/ Payne, Presse in der Bundesrepublik Deutschland, Lancaster University Press, 1997/2001

 

Birgit Smith

Mit der Maueröffnung 1989 hat sich auch die Lage der Medien in der ehemaligen DDR drastisch verändert. Stefan Heym sagte 1989: 'Es ist, als habe einer das Fenster aufgestoßen nach all den Jahren der Stagnation, der geistigen, wirtschaftlichen, politischen, den Jahren der Dumpfheit , des Miefs .' Bevor wir jedoch zu den Veränderungen kommen, wollen wir uns die Situation der Zeitungen während der DDR-Zeit ansehen.

Die DDR vor der Wende

Die DDR entstand 1949 aus der sowjetisch besetzten Zone, der SBZ. Die Lizenzzeit (1945-49) glich der Zeit im Westen, jedoch vergaben die Sowjets Lizenzen eher an Parteien, wobei die KPD (Kommunistische Partei Deutschlands) deutlich bevorzugt wurde. Es gab nur wenige überparteiliche Zeitungen und diese wurden auch bald eingestellt.

Es gab kein Pressegesetz in der DDR, jedoch besagte Artikel 9 der Verfassung, daß jeder seine Meinung frei äußern könne 'innerhalb der Schranken der für alle geltenden Gesetze'. 1968 wurde eine neue Verfassung verabschiedet, und Artikel 27 versicherte:

1. 'Jeder Bürger der DDR hat das Recht, den Grundsätzen dieser Verfaßung gemäß seine Meinung frei und öffentlich zu äußern. Dieses Recht wird durch kein Dienst- oder Arbeitsverhältnis beschränkt. Niemand darf benachteiligt werden, wenn er von diesem Recht Gebrauch macht. 2. Die Freiheit der Presse, des Rundfunks und des Fernsehens werden gewährleistet.'

Es sieht also auf den ersten Blick so aus, als ob es auch in der DDR Pressefreiheit gegeben hätte, gibt es doch Parallelen mit Artikel 5 des Grundgesetzes der BRD. Doch wie sah die Praxis aus?

Die Medien wurden vom Staatsapparat kontrolliert und gelenkt. Keine Zeitung konnte ohne Lizenz erscheinen. Das Presseamt des 'Vorsitzenden des Ministerrates der DDR' hatte das Weisungsrecht , hielt Pressekonferenzen ab und brachte auch jede Woche eine Presseinformation heraus. Die staatliche Nachrichtenagentur ADN (Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst) hatte eine Monopolstellung, und Zeitungen aus dem Westen durften nicht eingeführt werden. Die journalistische Ausbildung erfolgte unter Kontrolle, da der Zugang zur Universität staatlich geregelt war.

Vor der Wende 1989 gab es 39 Tageszeitungen, 30 davon waren regionale, 8 überregionale und eine einzige Boulevardzeitung, die BZ am Abend, die im Raum Berlin verbreitet wurde. Außerdem erschienen 30 Wochenzeitschriften, ungefähr 500 Fachzeitschriften und ein paar Kirchenzeitschriften. Zahlen über Auflagen sind nicht einfach zu finden, da die DDR diese selten veröffentlichte.
1987 soll die Gesamtauflage der Tageszeitungen 9,4 Millionen betragen haben. Die größte Auflagenhöhen hatten die SED - (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) Zeitungen, mit dem Flagschiff Neues Deutschland. Tägliche Auflage: Über eine Million Exemplare. Außerdem gab es 15 Bezirkszeitungen wie 'Sächsische Zeitung', 'Leipziger Volkszeitung', 'Freiheit'. Sie erschienen in 14 Bezirken, hatten jedoch eigene Lokalseiten. Auflagenhöhe aller SED Zeitungen: 6 Millionen. (Statistisches Jahrbuch der DDR, 1987) Auch andere Parteien besaßen Tageszeitungen, wie zum Beispiel die CDU (Christlich Demokratische Union) 'Neue Zeit' (86000) und die LDPD (Liberal-Demokratische Partei Deutschlands) 'Der Morgen' (50900), jedoch erreichten diese bei weitem nicht die hohe Auflage des Neuen Deutschland. Die Auflage der Boulevardzeitung BZ am Abend betrug ungefähr 100 000 Exemplare.

Da alle Parteien den Statuten der SED folgten, war der Inhalt in allen Zeitungen ziemlich ähnlich. Zeitungen waren dazu da, das Prestige der Regierung zu erhöhen, und nicht, um Kritik zu üben. Sie waren nicht von Marktverhältnissen und Käufern abhängig. Die Medien hatten als Hauptaufgabe, die Bürger im Sinne des Marxismus-Leninismus zu beeinflußen und auf sie einzuwirken , nicht sie über Nachrichten zu informieren. Die Monopolstellung des Nachrichtendienstes ADN war auch mitverantwortlich für die Eintönigkeit der Presse.

'Wir drucken nicht prinzipienlos alles mögliche ab. Unsere Presse bringt, was der Masse des Volkes dient. Der Gegner kommt nur zu Wort, falls uns das dient.'
(Journalistisches Handbuch der DDR, Leipzig, 1960, S. 193).

Die führende Rolle der SED schien durch Sprache und Bild gesichert. Jedoch war es nicht so ausschließlich möglich wie in anderen kommunistischen Ländern, da die Mehrzahl der DDR Bürger West-Fernsehen und -Radio empfangen konnte und so eine Alternative zu der Zensur in den DDR Medien hatte.
Auch gab es in den Jahren vor der Wende mehr und mehr Opposition gegen das bestehende Regime, vornehmlich von Künstlern, dem Schriftstellerverband und Kirchenorganisationen. Als dann im September 1989 die Massenausreisewelle der DDR-Bürger über die ungarisch-österreichische Grenze einsetzte und es zu Massendemonstrationen Anfang Oktober in Dresden und Leipzig kam, wurden die DDR-Medien angewiesen, nicht darüber zu berichten. Und so wurde für die DDR-Bürger das West-Fernsehen eine wichtige Informationsquelle über die Ereignisse in ihrem eigenen Land.

In der Zeit zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung wurde eine Anzahl von Presseverordnungen verabschiedet, z. B. konnte man jetzt westliche Zeitungen in der DDR kaufen; westdeutsche Verlage konnten in ostdeutschen Zeitungen Anzeigen veröffentlichen; die Presse war nicht mehr lizenzpflichtig, mußte aber registriert sein; Subventionen für die Presse fielen jetzt weg, was eine Preissteigerung zur Folge hatte.

Presse nach der Wende:

Freiheit zu schreiben, was man wollte: 1989/90

Bei diesem Hintergrund der zentralen Lenkung und Eintönigkeit des journalistischen Angebots über Jahre hinweg, ist es nicht verwunderlich, daß mit dem Fall der Mauer die ehemaligen DDR-Bürger die neuen, bunten Zeitungen aus dem Westen willkommen hießen, hatte man doch jahrelang darauf gewartet. Ost-Deutsche lasen jetzt gerne. 77 % lasen häufig eine Illustrierte (West: 62%), 43% lasen häufig anspruchsvolle Bücher (West: 39 %), 91 % gaben an, häufig Zeitung zu lesen (West: 78%). 50 % hätten gern mehr lesen gelesen (West: 35%), 35 % glaubten, daß sie genug lesen (West: 50%) (Emnid/Spiegel Spezial 1991). Ein paar Wochen lang hatten die Journalisten die Freiheit, zu schreiben, was sie wollten, eine Freiheit, die im Rest der Welt kaum zu finden ist. Dieses kann man wohl als die aufregendste Zeit im Journalismus bezeichnen: aufregend, bunt, kurzatmig. Gesellschaftspolitische Themen wurden jetzt angesprochen, die jahrelang tabuisiert gewesen waren. Die Zensur fiel fort, auch die innerredaktionelle. Jedoch es sollte nicht lange währen : der wirtschaftliche Markt beeinflußte bald die Zeitungsausgaben.

Mit der Wende erkannten auch die westdeutschen Zeitungsverlage, daß sich ihnen ein neuer Markt öffnete und ihnen damit die Möglichkeit gab, Zeitungen zu verkaufen. Als erstes legten Zeitungen in grenznahen Gebieten östliche Beilagen bei und veröffentlichten Nebenausgaben. Die Zeitungen der Blockparteien und Regionalzeitungen wurden aufgekauft, und neue Zeitungen wurden gegründet. Die Treuhand wurde mit der Privatisierung der DDR-Zeitungen beauftragt. Mittlere Verlage wurden hierbei jedoch kaum berücksichtigt , und der Hauptteil ging an die großen westdeutschen Verlage - Burda, Gruner & Jahr, Springer und Bauer. Hierfür wurde die Treuhand heftig kritisiert, da sie die wichtige Rolle einer demokratischen Presse außer Acht ließ und nur wirtschaftliche Gesichtspunkte beim Verkauf in Betracht zog (Sandford, 1993). Die Zeitungen der Blockparteien und Regionalzeitungen wurden aufgekauft. So wurde z. B. die Zeitung der Ost-CDU Neue Zeit (Auflage 1988: 113000, 1991: 125 000) von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung aufgekauft. Die Zeitung der LDPD, Liberal-Demokratische Zeitung (Auflage 1988: 57 000. 1991: 44 000) wurde vom Springer Verlag gekauft, so auch die NDPD Zeitung Sächsische Nachrichten (1988: 29 000, 1991: 26 000). Der Morgen (LDPD), vom Springer Verlag gekauft, wurde Ende Juni 1991 eingestellt . Die Zeitung der SED, Neues Deutschland, erscheint auch weiterhin, publiziert von der PDS (Partei des demokratischen Sozialismus), jedoch mit verminderter Auflage (1991: 128 000) (Röper, in Media Perspektiven, 7, 1991)

Ende 1990 gab es in den neuen Bundesländern ungefähr 42 Titel mit einer Gesamtauflage von 8,2 Millionen Exemplaren; 6 überregionale Zeitungen hatten eine Auflage von 1,5 Millionen, 36 Regionalzeitungen 6,7 Millionen Exemplare. Außerdem wurden 25 Wochenzeitungen mit einer Auflage von 3,8 Millionen Exemplaren gedruckt. (Becher, U., Kessler, M. in Media Perspektiven,7,1991.) Diese Zahlen weisen deutlich darauf hin, daß trotz hoher Preisanstiege die Zeitung ein wichtiges Kommunikationsmittel in den neuen Bundesländern war.

Tab. 4: Auflagenveränderungen von Tageszeitungen der ehemaligen DDR 1989 und den neuen Bundesländern 1993 (in Tausend):
Titel 1989 1993
Neues Deutschland 1.101 85.0
Junge Welt (FDJ) 1.500 50.8
Tribüne (FDGB) 413,6
Freie Presse 663,7 510,6
Thüringer Allgemeine früher: Das Volk 404,1 300,5
Berliner Zeitung 439,1 263,8


Daten nach Schütz, W., Der Zeitungsmarkt in den neuen Ländern. In Zeitungen '91, Bonn, BDZV 1991, S.113-118 und Presse und Informationsdienst der Bundesregierung Medienreferat: Zeitungen in den neuen Bundesländern, Bonn, 1993.

Die meisten Zeitungen erschienen und erscheinen auch weiterhin unter dem alten Namen. Viele Neugründungen erweiterten das Angebot und die Leser konnten unter vielen neuen, und alten, bunten und schwarz-weißen Publikationen auswählen. Diese Vielzahl führte jedoch auch dazu, daß eine Reihe von Zeitungen wieder eingestellt wurden. So z. B. Der Demokrat, Schwerin (FAZ) und auch Neugründungen wie die eigens für die neuen Bundesländer herausgebrachte Super!-Zeitung, eine Boulevardzeitung, die Burda und Murdoch in Zusammenarbeit produziert hatten. Die Zeitung wurde 'das größte Projekt in der Geschichte der deutschen Presse' genannt und wurde mit 350 000 Exemplaren im Mai 1991 auf den Markt gebracht. Charakterisieren kann man diese Zeitung als 'Ost-Frust, im Wir-Stil verfaßt von westlicher Feder' (Die Zeit, 31.07.92) Ein Beispiel für diesen 'We are-all-in-this-together' Stil ist folgende Schlagzeile: 'Angeber-Wessi mit Bierflasche erschlagen: Ganz Bernau freut sich' (FAZ, 25.7.1992). Diese Zeitung sollte den Ex-DDRlern helfen, mit dem Frust gegen die Wessis fertigzuwerden, doch war der Stil dieser Zeitung zu radikal. Firmen nahmen Abstand davon, in dieser Zeitung zu inserieren, und auch eine Anhebung des Kaufpreises konnte sie nicht retten. Die Wochenzeitung Super Illu, die im selben Stil von Burda im September 1990 herausgebracht wurde, erscheint noch wöchentlich mit einer Auflage von 250 000.

Westdeutsche Verlage haben die Ost-Presse fast ganz übernommen, die Chefredakteure sind meistens Wessis (Sandford, 1993) Doch hier hören die Gemeinsamkeiten auf. Von einem gemeinsamen deutschen Pressemarkt kann man bislang nicht sprechen. Von den Zeitungen und Zeitschriften, die im Westen gelesen werden, sind nur zwei auch in den neuen Bundesländern populär, nämlich Bild am Sonntag und die ADAC Motorwelt. Bunte, Stern und Neue Revue zusammengenommen, erreichen nur ein Fünftel der Verkaufsrate im Westen, Der Spiegel nur ein Drittel. Andererseits ist die Super Illu im Westen fast unbekannt. (Landgrebe, 1992). Westliche Zeitungen werden nicht mehr so oft gelesen, ihr Auflagenverkauf ging nach anfänglichem starken Interesse zurück. Die DDR Bürger finden sie zu dick, zu teuer und vor allem zu fremd für ihre Interessen. Selbst die Bildzeitung, die dieselbe Auflagenzahl wie im Westen erreichen wollte, konnte die geplante Auflagenzahl nicht erreichen, doch ist sie die am meisten gelesene, im Westen produzierte Zeitung der ehemaligen DDR. Obgleich die Auflagenzahl insgesamt zurückging, kann man sagen, daß die ehemaligen Bezirkszeitungen der SED am meisten von den DDR Bürger gelesen werden.

Die größte Sorge bereitet die Konzentration der Ost-Presse. Nur zwei der am meisten verkauften Zeitschriften gehören nicht westdeutschen Verlagen. Die Kommunikationsforscherin B. Schneider ist der Meinung, daß 'zweieinhalb Jahre nach Beginn des Strukturwandels die Presse noch stärker als in der früheren DDR hochgradig konzentriert ist (Schneider, 1992). Nach Schütz hat sich die Zahl der von den westdeutschen Verlagen herausgebenen Zeitungen von 33 Anfang 1991 auf 23 im August 1992 verringert. Die Zahl der neu-gegründeten Ostzeitungen ging von 60 Ausgaben Anfang 1991 auf 37 Mitte 1992 zurück, mit der Folge, daß es in vielen Gebieten nur eine Tageszeitung gibt. Und wenn man die Kaufgewohnheiten der Ost-Deutschen mit in Erwägung zieht, dann existiert ein Monopol für viele Leser.

Tab. 5: Die größten regionalen Tageszeitungen in Ostdeutschland
Titel Herscheinungsort/Verlag Auflage
Thüringer Zeitung Erfurt - Zeitungsgruppe Thüringen (WAZ) 532.261
Freie Presse Chemnitz - Medien Union 493.222
Sächsische Zeitung Dresden - Gruner & Jahr 420.085
Mitteldeutsche Zeitung Halle - Dumont Schauberg 416.623
Berliner Zeitung Berlin - Gruner & Jahr 235.735


nach IVW-Verkaufsauflagen I/93 Journalist, Heft 8/95

Was ist übrig 1997 geblieben von der Vielzahl der Veröffentlichungen, die nach der Wende mit so viel Enthusiasmus, Energie und Einsatzvermögen im Osten erschienen? Bei einer Gesamtauflage von ca. 4,9 Millionen haben die großen Regionalzeitungen zusammen mit der Berliner Zeitungeinen Marktanteil von 89 Prozent. Die größte regionale Tageszeitung in Ostdeutschland ist mit Abstand die Thüringer Allgemeine Zeitung, die in Erfurt erscheint. Somit hat sich in den neuen Bundesländern ein hochkonzentrierter Zeitungsmarkt entfaltet .

Wenn man sich zusätzlich die Verflechtungen , Beteiligungen und Kooperationen zwischen den größten deutschen Medienverlagen mit Bertelsmann/Gruner & Jahr und den allmählich zusammen-wachsenden Konzernen Springer und Kirch an der Spitze ansieht (siehe Röper, 1993), muß man sich fragen, inwieweit die gesamt-bundesdeutsche Presse wirklich noch frei und unabhängig ist.

 

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